Das Naturschutzgebiet Bita-See liegt 25 km östlich von Zhongdian in 3.500 m
Höhe. Der See ist bis zu 40 m tief. Mehr als 2.000 Samenpflanzenarten sollen
hier vorkommen. Ich las, dass man zum See nur sehr schwer vordringen kann, da es
keine Straßen gibt. Leider, doch! So wünschenswert es für die abgelegenen
Gegenden Chinas ist, dass sich die Infrastruktur verbessert, so schrecklich ist
es für die letzten Naturparadiese. Es gibt inzwischen eine Straße, einen Busparkplatz für zig Reisebusse und einen
Holzsteg um den halben See. Die Bauarbeiten waren 2006 noch im Gange. Auf den
Wiesen weideten Pferde, und die berühmten Primeln konnte ich nur noch unterm
Steg entdecken, wo die Pferde sie nicht erreichten. Ob sie mit Huf oder Maul
vertrieben wurden, kann ich nicht sagen. So wandelten wir in Busbesatzungsstärke
auf dem Holzweg und bestaunten die herrlichen Rhododendren. Am Ende des Stegs
zwang uns ein Verbotsschild zum Umkehren. Ein Studentenpaar aus Shanghai, das
mit mir von Kevins Trekker Inn aufgebrochen war, meinte, dass ein Verbot zu
übertreten doch immer sehr reizvoll sei. Wo haben sie diese Weisheit wohl her?
Bestimmt nicht von Konfuzius. Doch in diesem Fall stimmte ich ihnen zu, und so
sah ich doch noch die Primelwiesen vom Bita-See. Primula secundiflora und
P. sikkimensis sind in Shangrila allgegenwärtig. Ihr Verbreitungsgebiet in der Höhe
erstreckt sich von 3.200 bis 4.400 m, wobei P. secundiflora bis 4.800 m
wächst. Während P. secundiflora auf China beschränkt bleibt, kommt P. sikkimensis
auch in Bhutan, Indien, Myanmar, Nepal und wie der Name schon sagt
in Sikkim vor. Die Yaks rühren sie nicht an.
Jedes Jahr im Mai und Juni entfalten sich die Rhododendrenbüsche am Steilufer
des Sees zu voller Pracht. Man sagt, dass die Blütenblätter der Rhododendren auf
die Wasseroberfläche fallen und die Fische sie fressen. Die Fische vergiften
sich dadurch und treiben Bauch nach oben. So werden sie eine leichte Beute der
Bären, die aus den umliegenden
Wäldern kommen. In Alaska sah ich einen ähnlichen
Steg an einem Bachlauf. Etwa 50 Leute waren da, einige schwerbewaffnet mit
Pfefferpistolen. Tatsächlich kam ein Bär zum Lachsfang! Das war am Abend, und
der Parkplatz für die Autos war gleich um die Ecke. Hier am Bita-See sah ich
keine Autos, aber wie lange noch?
Bita-See
Rhododendren am "Holzweg"
Yaks und Primula secundiflora
P. sikkimensis